Fu Kreisverband Konstanz
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03.07.2010, 10:30 Uhr | Übersicht | Drucken
Bäuerinnen machen sich für die Zukunft fit, Rüstzeug sind Phantasie und Tatkraft
Selbstbewusstsein hilft durch kritische Zeiten. Ein Bericht des Südkuriers. Bild FU-Südbaden

Das war gut. Zufriedenheit nach gutem Essen ist ein Teil des Lohnes, den sich die drei Frauen redlich und im Schweiße ihres Angesichts verdient haben. Egal, ob sie klassisch-gutbürgerlich Braten, Gemüse und Salate servieren oder nach internationalen Rezepten, aber immer mit regionalen Zutaten kochen. Das Trio ist etwas Besonderes in der Gastronomie: Bäuerinnen sind am Werk.
 



Landfrauen, Bild: FU Südbaden
 
Nicht, dass es ihnen auf ihren Höfen zu langweilig wäre, im Gegenteil. Ihr Catering-Unternehmen "Landfrauen Rundum Service" ist aus der Not geboren. Die meisten
der Höfe im Südwesten können kaum allein von ihrem Einkommen leben. Und dann kam auch noch die BSE-Krise. "Manchmal steht man mit dem Rücken zur Wand", erinnert sich Gabi Martin aus Nenzingen an das Jahr 2002. Die Rinderseuche erschütterte Höfe wie ihren bis ins Mark. Zusammen mit ihrem Mann betreibt die 54-Jährige einen Vollerwerbsbetrieb mit Bullenmast und Ackerbau. Im nicht weit entfernten abgelegenen Weiler Airach bei Stockach musste sich die Familie Dauwalter, die Milchvieh hält, um die Zukunft Sorgen machen. Die 51- jährige befreundete Dorfhelferin Elisabeth Bader mit ihrem Nebenerwerbsbetrieb suchte auch nach einer Nische, in der ein zusätzlicher Verdienst winkt. Zusätzliche Arbeit natürlich auch. Die Idee mit dem Party-Service brachten die drei zupackenden Frauen aus dem Landwirtschaftsamt Stockach (Kreis Konstanz) mit. Inzwischen nennen sie eine eigene Küche im ehemaligen Kälberstall auf dem Hof der Martins und einen Kühltransporter ihr eigen. Die Geschäftsidee ist aufgegangen, mancher Auftrag muss mangels Kapazität abgesagt werden,
Freitage, Samstage und häufig auch Sonntage sind verbucht. An Feierabend ist vor 20 oder 22 Uhr nicht zu denken. Wie jeder andere Selbstständige auch dürften sie nicht jede Stunde penibel berechnen, sagt Gabi Martin. Im Jahresschnitt lohne sich der Landfrauen-Service jedoch, versichert sie.
Landfrauenverband - hört sich das nicht etwas betulich an, angestaubt? Mag sein, dass der Verband der Bäuerinnen und vieler anderer Frauen, die auf dem Land leben, im öffentlichen Rummel ein Schattendasein führen. Doch er ist nicht die Dachorganisation für Nischenplätzchen in Form von Bastelabenden oder Kuchenproduktion für Dorffeste. Solche Aktivitäten gehören selbstverständlich zum Angebot. Der Anspruch aber ist weit höher
gesteckt. Kurse und Seminare machen die Frauen in ihrer eng begrenzten Freizeit fit, egal, ob sie ihr Wissen über Gesundheit vertiefen oder sich für einen Nebenerwerb qualifizieren wollen. Organisiert seien "Frauen, die was drauf haben", sagt Gabi Martin. Die gelernte Bauzeichnerin und Hauswirtschafterin schloss sich den Landfrauen an, nachdem sie auf den Hof geheiratet hatte und mit dem neuen Leben zunächst nicht zurechtkam. Im Frauenverband fand sie Halt, während sie einen gewaltigen Lernprozess durchmachte: Zuvor war ihr "nicht bewusst, was Landwirte leisten". Sie müssen Allround-Talente sein, wollen sie bestehen. Dazu gehört auch
der Kampf gegen die überbordende Agrarbürokratie. Lehrt das Dickicht an Richtlinien und Verordnungen die Frauen das Gruseln, können sie Hilfe in einem von den Landfrauen angebotenen Kurs in Anspruch nehmen. Hanne Dauwalter, die 57-jährige resolute Vizepräsidentin des südbadischen Landfrauenverbands, schildert den Kampf mit Paragrafen und Gebühren anhand der hofeigenen Biogasanlage.
"Das Rentabelste, was es gibt", nennt sie das Ding, das so viel Energie erzeugt, dass der Hof Strom verkaufen kann. Täglich muss aber ein Protokoll über die Beschickung geführt werden. Trotzdem wird alle zwölf Monate ein Gutachten über die Anlage fällig, das mehrere hundert Euro kostet. Kürzlich lag ein Schrieb mit neuen Regeln für die Einspeisung ins Netz im Briefkasten. Die Dauwalters hatten erst einmal Fragezeichen in den Augen. Auch Hanne Dauwalter ist Quereinsteigerin. Ihre Schilderung verdeutlicht den Wandel in der Landwirtschaft und ihrer Familien. Die Angehörigen der ausgebildeten Diätassistentin waren gegen die Heirat. Ein Bauer sei "gesellschaftlich nicht anerkannt" gewesen. Auch Gabi Martin
räumt ein, sie habe befürchtet, die Heirat mit einem Landwirt bedeute einen "Abstieg". "Rüben und Kartoffelnhacken" geisterte durch die Köpfe. Das gehörte vor einiger Zeit tatsächlich noch zu den vielfältigen Pflichten. Heute kennen Martin und Dauwalter junge Frauen, die nicht mehr auf dem Hof mithelfen, sondern sich entweder der Familie widmen oder ihrem erlernten Beruf nachgehen. Vor ein paar Jahrzehnten undenkbar. Frauen, die auf Höfe heiraten, aber nicht aus Landwirtschaften stammen, hätten mit ihrem
Selbstbewusstsein das der Bäuerinnen gestärkt, meinen Dauwalter und Martin. So sieht es auch Edeltraud Hofacker vom Pauliwäldlehof in Bräunlingen bei Donaueschingen. Die 49- Jährige stammt von einem Hof bei Tauberbischofsheim. Anlaufschwierigkeiten blieben ihr also
erspart. Aber wie die Kolleginnen hat auch diese Bäuerin eine Nische für einen Zusatzerwerb gesucht. Mit ihrem Verkaufswagen besucht Edeltraud Hofacker fünf Märkte pro Woche, an einem Nachmittag verkauft sie direkt vom Hof aus. Zu Hause packt sie mit an, wo sie gerade
gebraucht wird. 100 Hektar Land und 90 bis 100 Stück Vieh sind zu betreuen. Diesem und dem Dickkopf ihres Mannes wegen hat sie seit Jahren ein Produkt im Angebot, das man nicht unbedingt an einem Bauernstand sucht: Eis. Solches wollte Hubert Hofacker schon immer
herstellen, scheiterte aber am Widerstand seiner Frau. Als diese von einem Landfrauen- Ausflug zurückkam, stand eine gebrauchte Eismaschine da - eine weitere Einnahmequelle. Milchwirtschaft lohne sich zur Zeit nicht, sagt Edeltraud Hofacker und rechnet vor: Vor 25 Jahren gab es 80 Pfennig pro Liter, heute seien es "mit Glück" 30 Cent. Erlöse für Getreide sind auch nicht gerade prickelnd. Die sicherste Kalkulation erlaubt die Biogas-Anlage. Ohne
Ausgleichszahlungen - gegen den Begriff Subvention sind die Bäuerinnen allergisch - kämen viele Höfe nicht über die Runden. 20 Prozent, die Bio-Gütesiegel haben, wären ohne staatliche Hilfe pleite, schätzt Hofacker. "Wie Almosenempfänger" kämen sich die Leute vor, die vom Erlös ihrer randvollen Arbeitstage nicht existieren können. "Das deprimiert". Der Weg zu den Gesprächen mit den Bäuerinnen führt durch reizvolle Sommerlandschaften, die jährliche Grundlage für den Tourismus. Den Charme der kleinteiligen Vielfalt gibt es aber nicht zum Nulltarif, sondern nur, wenn weiter Viehzucht betrieben und auf Monokulturen verzichtet wird. Ohne die für den Südwesten typischen kleinen und mittleren Landwirtschaften
wäre dies undenkbar, erinnert Hanne Dauwalter. Diesen wäre viel geholfen, würde sich "der Respekt vor Lebensmitteln" wieder einstellen, überlegt Gabi Martin. Das müsste eine Aufgabe für Schulen sein, findet Edeltraud Hofacker, die damit eine langjährige Forderung der Landfrauen aufgreift.WALTRAUD SCHWARZ


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